In einer jüngst veröffentlichten Umfrage der Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord zeigen sich die Industriebetriebe in Norddeutschland besorgt über ihre Abhängigkeit von den USA. Ein deutlicher Trend zeichnet sich ab: 86 Prozent der befragten Unternehmen sehen die US-Handelspolitik kritisch und bewerten sie als eher schlecht, schlecht oder sogar schädlich. Diese Zahl ist mehr als doppelt so hoch wie noch vor zehn Jahren, was die wachsende Skepsis gegenüber den amerikanischen Handelspraktiken unterstreicht, berichtet NDR.

Der Druck auf die Unternehmen wächst, denn ein Viertel von ihnen erwartet einen Rückgang von bis zu 30 Prozent im Exportgeschäft, sollten neue Handelsstreitereien mit den USA entstehen. Um diesen Herausforderungen entgegenzuwirken, suchen knapp 25 Prozent der Firmen verstärkt nach neuen Märkten, während rund 20 Prozent ihre Lieferketten unabhängiger von den USA machen möchten. Zudem ändern 28 Prozent der Betriebe ihre digitale Infrastruktur und setzen nicht mehr auf US-Software. Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer von NORDMETALL und AGV NORD, hebt die Notwendigkeit neuer Handelsvereinbarungen hervor, insbesondere mit Ländern wie Indien und Südamerika.

Neue Wege in der Außenwirtschaft

Die Unsicherheiten in der internationalen Handelspolitik treiben Unternehmen dazu, neue Strategien zu entwickeln. Die Deutsche Außenhandelskammer in China unterstützt hiesige Firmen dabei, ihre Geschäftsmodelle diversifizierter aufzustellen. Eine Ausrichtung weg von China wird als zunehmend wichtig erachtet. Für viele Firmen wird die Diversifikation zur Überlebensstrategie, denn der Rückzug der USA aus ihrer globalen Führungsrolle und der Aufstieg Chinas als Rivalen machen den Wettbewerb härter. In diesem Kontext investieren vermehrt Unternehmen in andere asiatische Länder wie Vietnam und Indien, um die Risiken, die mit einer hohen Abhängigkeit von China verbunden sind, zu minimieren.

Die globalen Entwicklungen machen auch vor der deutschen Industrie nicht halt. In den letzten Jahren war ein deutlicher Umbruch der Handelsströme zu beobachten. So verzeichnete Deutschland einen Rückgang seiner Exporte in die USA um rund 15 Milliarden Euro in den ersten elf Monaten des Jahres 2025. Der durchschnittliche US-Importzoll für EU-Waren stieg von knapp 2 Prozent auf mindestens 15 Prozent, was die Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen stark einschränkt. Dies stellt die EU vor die Herausforderung, ihre Souveränität durch den Abbau strategischer Abhängigkeiten zu stärken, erklärt ein Bericht des DIHK.

Der Blick in die Zukunft

Mit einer verstärkten Neuausrichtung der Handelsstrategien und dem Anstreben neuer Partnerschaften möchten Unternehmen in Norddeutschland ihrem Unsicherheitsgefühl entgegenwirken. Jürgen Sandau von Deloitte gibt zu bedenken, dass die Weltwirtschaft sich immer mehr Richtung rivalisierender Machtblöcke bewegt. Die Chance, durch neue Handelsabkommen mit Ländern in Südamerika oder Asien Marktanteile zurückzugewinnen, wird vielerorts als Notwendigkeit angesehen.

Insgesamt arbeiten etwa 20 Prozent der Unternehmen an einer Neuordnung ihrer Lieferketten. Die politischen Rahmenbedingungen müssen sich jedoch ebenfalls anpassen: Eine EU-Vereinbarung zur handelspolitischen Zusammenarbeit könnte hier für Stabilität und Planbarkeit sorgen. Die Herausforderungen sind also groß, aber auch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, um in einem sich rasant verändernden Wirtschaftsumfeld bestehen zu können.